Spiritualität, so wie wir sie verstehen, hat nichts mit Dogmen, sondern mit Erfahrung, Anschauung und Fühlen zu tun. Jeden Moment unseres Lebens können wir den Geschmack des Ganzen wahrnehmen, manchmal überraschend, manchmal vielleicht auch durch unsere Übungen unterstützt, und manchmal auch in Momenten, wo wir weder ein noch aus wissen. Gerade in Engpässen haben Menschen oft solche Art von Öffnungserlebnissen, weil alles, was wir besitzen, alles, was wir haben, in dem Moment, wo wir in einer schweren Krankheit oder tiefen Krise stecken, nicht mehr so viel zählt.

Spiritualität in dem Sinne meint nichts anderes, als dass wir den Bezug zu dieser Dimension der Unendlichkeit aufnehmen und versuchen, uns darauf einzulassen. Auf eine Unendlichkeit, in der wir uns vielleicht, wenn wir aus einer anderen Perspektive hinblicken, verloren fühlen könnten. Doch Spiritualität hat damit zu tun, in dieser unbeschreiblichen Weite, die das größere Ganze für uns darstellt, einen Weg zu gehen, auf dem wir uns darin nicht verloren, sondern aufgehoben und geborgen fühlen. Auch wenn wir es nicht erfassen können und mit unserem Geist nicht verstehen können. Denn Spiritualität will Vertrauen in diese für uns nicht fassbare Dimension des Lebens herstellen, ja, unterstellen.

Vertrauen zu unterstellen bedeutet: Ich gehe einmal davon aus, auch wenn es mir nicht in jedem Moment zugänglich ist, dass ich mich darin auch beheimaten und in einem größeren Sinnzusammenhang verstehen kann. Es geht um das Vertrauen, dass wir nicht tiefer fallen können, als in die Hände Gottes. Und dieses Vertrauen ist der Punkt, an dem wir hier arbeiten. Vertrauen zu dem Unbeschreiblichen. Die Kritik am Religiösen ist wichtig, weil das Religiöse manchmal funktionalisiert wird für Machtstreben, Missbrauch und Übergriffe.

Spiritualität fördert unser Wohlergehen

Ein zweiter Punkt, der oft damit verknüpft ist und den wir nicht unterschätzen sollten: Spiritualität fördert unser Wohlergehen, fördert auch unsere Lebendigkeit und unser Einlassen in den Fluss des Lebens. Doch wir dürfen Spiritualität dabei nicht als »Sponsor« missbrauchen und glauben, dadurch besser unsere Ziele zu erreichen. Heute wird ja in empirischen Untersuchungen auch die Wirkung und der Nutzen der Meditation untersucht, ein sehr wichtiges Bestreben. Manchmal schießt man aber dabei über das Ziel hinaus, weil die spirituellen Techniken und Praktiken aus dem Kontext herausgelöst werden und man versucht, das religiöse Moment zielgerichtet einzusetzen. Und da kann es sein, dass eine Grenze überschritten und alles zu sehr funktionalisiert wird.

Spiritualität in der Praxis

Wir dürfen Spirituelles nie ohne den Gesamtkontext, in den es eingebettet ist, sehen. Es geht letztlich um den inneren Bezug zu einer Dimension oder Größe, die wir gewöhnlich nicht zu erfassen vermögen. Es gibt mehr, als wir sind; wir sind mehr als Persönlichkeit, Lebensgeschichte oder ein Ensemble aus Rollen. Und um mit diesem Mehr in Kontakt zu treten, praktizieren wir die Übungen, die Meditation und auch das Holotrope Atmen. Wir meditieren und lassen los. Wir atmen und gehen hinein. Wir probieren alles und geben auch nicht auf. Auch wenn alte Probleme wiederkehren und wir dem Gefühl nach oft wieder ganz am Anfang stehen. 

Oft stehen wir einfach nur unter dem Bann einer Situation. Und da sollten wir uns daran erinnern, dass es auch diese anderen Momente gibt. Wir wollen die schwierigen Momente nicht mit den unsere Übungen machen. Fragen wie: Wohin zieht es mein Herz? Kommt durch mein Denken und Handeln mehr Liebe ins Leben? An welchen Stellen meines Lebens gibt es noch etwas in Ordnung zu bringen? – Sie alle sind wichtig. Wir brauchen nicht davon auszugehen, dass wir als Menschen dieser Verletzlichkeit und Versehrtheit jemals entweichen können. Wir werden immer wieder in unserem Leben vor Probleme gestellt, das bleibt nicht aus. Wir werden immer unsere Probleme haben.

Wir können durch unsere spirituelle Verwirklichung nicht vor unseren Problemen davonlaufen, sondern lediglich akzeptieren und anerkennen, dass wir menschlich sind, sterblich, nicht von Krankheit und Problemen verschont. Letztendlich können wir nur durch die Dimension des größeren Ganzen eine andere Atmosphäre, eine andere innere Bezogenheit, eine andere Ressource zur Verfügung haben, um mit dem, was uns an Schicksal oder Problemen berührt oder uns begegnet, auch in anderer Weise umgehen zu können. Das ist das, was wir tun können. Und das ist das, was uns durch unsere Arbeit möglich erscheint: einen anderen Zugang zu finden und einen anderen Bezug zu haben. Den Bezug zum Unendlichen, den wir nicht erfassen, aber dem wir uns anvertrauen können. Wir können es nicht begreifen, aber wir können uns anvertrauen. Das widerspricht sich nicht.

Spiritualität ist frei von Dogmen

Spiritualität, in diesem Sinn verstanden, braucht keine ganz besondere Religionsform. Sie ist frei von Dogmen, bezieht sich auf das Fühlen und Anschauen, bezieht sich auf die persönliche Erfahrung und nicht auf Lehrsätze. Lehrsätze können uns helfen, Übungen durchzuführen. Aber worauf es ankommt, ist, dass wir uns innerlich auf die persönliche Erfahrung einlassen. Ganz egal, in welcher Richtung wir uns zu Hause fühlen und welche Schritte wir auf unserem spirituellen Weg machen. die wir geprägt wurden, sind also vergangenheitszentriert.

Erst wenn wir einen Schritt zurückzutreten und etwas innehalten, können wir einen zweiten Blick auf die Situation wagen. Dieser zweite Blick ist meistens etwas tiefer, er lässt uns besser erspüren und ergründen, was dahinterliegt. Der zweite Blick ist meistens ein Lichtblick im wahrsten Sinne des Wortes. Oder der Blick, durch den wir leichter auch den Funken herausfinden und spüren können. Deshalb ist unsere gemeinsame Arbeit immer auch eine Schulung unseres Geistes, wir lernen, nicht sofort aus Gewohnheiten und alten Mustern heraus zu reagieren, sondern den Geist in guter Weise so zu disziplinieren, dass wir Freiräume schaffen, dass wir die Vorhänge zur Seite schieben können, den Schleier etwas lüften und tiefer von dem wahrnehmen, was in uns ist und was uns begegnet.

Spiritualität in der Psychotherapie

Auch die Psychotherapie will ja am Ende nichts anderes. Sie will den Blick weiten, den Spürsinn verfeinern und Zugang schaffen zu den echten Bedürfnissen, um sich von den kompensatorischen oder neurotischen Bedürfnissen allmählich zu lösen und mehr Freiheit und Autonomie zu gewinnen. Dann stehe ich nicht mehr so sehr unter dem Einfluss dieser alten Muster. Hier sind sicher Spiritualität und Psychotherapie sehr gute Partner; Psychotherapie dort, wo es um emotionale Fixierungen geht, und Spiritualität da, wo es grundlegend darum geht, unseren Geist zu beruhigen und hier Freiräume zu schaffen, um das größere Ganze oder das Feld, das hinter den Konzepten und Mustern liegt, überhaupt erst wahrnehmen zu können.

Deshalb wird sich am Ende die Übungspraxis lohnen. Spiritualität ohne praktische Übung, ohne Ausdauer kann nicht wirklich fruchtbar werden. Wir sollten uns damit anfreunden, dass Meditation, Bewusstseinsarbeit, die Suche nach diesem Funken, die Beruhigung des Geistes, dass das auch Arbeit bedeutet und uns nicht einfach gegeben ist.

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