Transpersonale Psychologie und Transpersonale Psychotherapie

Den Verständnisrahmen für transpersonale Psychotherapien bildet die transpersonale Psychologie, die sich inzwischen neben tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutischen und humanistischen Ansätzen etabliert haben.

Der Begriff „transpersonal, abgeleitet von transhumanistisch“ taucht zum ersten Mal 1969 in Abraham Maslow’s berühmten Artikel „Die Reichweite der menschlichen Natur“ (vgl. Maslow, 1994) auf. Darin vertritt er die Auffassung, dass jedem Menschen ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung innewohnt. Er fand auch heraus, dass voll entfaltete Menschen dazu neigen, von transzendenten Werten, wie Menschlichkeit, Lebendigkeit, Wahrhaftigkeit, Offenheit und Güte, motiviert zu sein. Sie berichten auch von Gipfelerfahrungen, die Ähnlichkeiten mit mystischen Einheitserlebnissen aufweisen.

Stanislav Grof
hat durch seine Arbeiten entdeckt, dass das Bewusstsein unter bestimmten Bedingungen in der Lage ist, „… über die gewöhnlichen Grenzen des Körper-Ichs sowie über die Beschränkungen von Raum und Zeit" hinauszugehen. Diese Auffassung findet sich auch in Ken Wilbers spiralförmigem Bewusstseinsentwicklungskonzept. Darin zeigt er, dass es dem Menschen möglich ist, durch bewusste Übungen und Integration, die Grenzen des Bewusstseins zu erweitern, Feinstoffliches wahrzunehmen und seine Potenziale auszuschöpfen. Dabei durchläuft man mehrere Phasen, von einem präpersonalen bis hin zu einem nondualen Zustand. Die Hauptvertreter der transpersonalen Psychologie sind sich darin einig, dass der Mensch mehr ist als nur Persönlichkeit, Lebensgeschichte oder Rollen. Sie sehen ihn getragen von etwas Größerem und durchdrungen von der Totalität des All-Einen.

Diese existenzielle und universale Schicht des Seins kann jedoch nur durch persönliche Erfahrung berührt werden. Um zu erkennen, wer man wirklich ist, muss man die Tür nach innen aufstoßen. Für viele Mystiker ist der Weg nach innen der längste Weg, den es zu gehen gilt. Durch das Tiefergehen oder die Selbsttranszendenz kommt man der Quelle der Weisheit und dem Sinn des Lebens näher. Dabei entdeckt man, dass das Innerste des Menschen in einem größeren Zusammenhang zu verstehen ist.

Die transpersonale Psychologie sieht das Selbst, nicht wie die traditionelle Psychotherapie, allein auf die Persönlichkeit bezogen, sondern - auch offen zum Überpersönlichen hin. Bildlich gesprochen ist im Kern unserer Persönlichkeit eine Öffnung, durch die sie mit dem Seinsganzen verbunden erscheint. In jedem von uns ist also ein Funken des Kosmos, der nach C.G. Jung auch als „Gott in uns“ bezeichnet werden kann. Um im Einklang mit dieser universalen Kraft zu leben, muss man innere Begrenzungen, die durch das Ego entstanden sind, abbauen. Das Ego ist aber nicht mit dem gleichzusetzen, was die herkömmliche Psychotherapie unter einem stabilen Ich versteht.

Es ist ein Weg, der uns Einiges abverlangt, denn es gilt zunächst, die vererbten und sozialisierten Schemata aufzubrechen, um das Umgreifende und das Dahinterliegende zu erspüren. Wenn man jedoch beginnt, innezuhalten, in die Stille zu gehen, vorgefertigte Konzepte loszulassen, mehr Achtsamkeit, Offenheit und Liebe zuzulassen, wird man durchlässiger für das Wesentliche, die innere Stimme und lebensfördernde Potenziale.

Die transpersonale Psychologie verbindet Weisheitslehren und moderne Psychologie. In ihre Konzepte fließen auch Erkenntnisse aus der TodesnäheBewusstseinsforschung, Neurobiologie, neuer Physik und Berichten von Mystikern mit ein. Ein wichtiges Ziel ist es außerdem, den Dialog zwischen Psychotherapie und Spiritualität weiter in Gang zu bringen. Transpersonale Therapieansätze können als Bindeglied zwischen traditionellen Psychotherapien und spirituellen Wegen angesehen werden. Ein zentraler Bestandteil ihres praktischen Repertoires sind Interventionen, die Trancezustände hervorrufen, wie etwa Hyperventilation, innere Reisen, Meditation, Musik oder rhythmische Bewegungen. Dadurch können Leidenszustände, die über die erinnerbare Biografie hinausreichen und mit transpersonalen oder kollektiven Erfahrungsmustern zusammenhängen, besser verstanden und bearbeitet werden.

Zur Praxis transpersonaler Therapie gehört auch die Begleitung von Menschen mit außergewöhnlichen Seinserfahrungen und spirituellen Krisen (Dekompensationen infolge von außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen). Ausdrücklich werden spontane spirituelle Zustände, die häufig tief greifende Veränderungen auslösen‚ als für den Heilungsprozess wichtig erachtet. Auf diese Ressource haben schon die Vertreter der Existenzanalyse und der Tiefenpsychologie C.G. Jungs, insbesondere im Hinblick auf den Individuationsprozess, hingewiesen.

Transpersonale Therapien, wie das Holotrope Atmen (Stanislav Grof), die Initiatische Therapie (Dürckheim), die Psychosynthese (Assagioli) oder integrale Ansätze (Wilber) haben mittlerweile große Beachtung gefunden. Die transpersonale Bewegung hat sicherlich dazu beigetragen, dass die spirituelle Seite des Menschseins heute in den traditionellen Psychotherapierichtungen und im klinischen Kontext immer mehr einbezogen wird.

 

Siehe auch:: Bewusstseinsforschung :: Kompetenzseminare - Curriculum


Literatur:
Boorstein‚ Seymour (Hrsg.): Transpersonale Psychotherapie. Bern 1988. Scherz, O.W. Barth.
Grof, Stanislav: Das Abenteuer der Selbstentdeckung. München 1987. Kösel.
Jung, C.G.: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten. Olten und Freiburg im Breisgau 1971.
Walter. Maslow, Abraham: Die Reichweite der menschlichen Natur. In: Integrative Therapie 3 (1994), S.200-208. Junfermann.
Quekelberghe, Renaud van: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie. Eschborn 2005. Klotz.