Wer bin ich wirklich? Holotropes Atmen als Weg zur Sinnfindung in der Existenzanalyse – Dr. Sylvester Walch
Text zum Podcast - Gesellschaft für Logotherapie & Existenzanalyse in Deutschland
Die zentrale Frage, die viele Menschen tief im Inneren bewegt, lautet:
Wer bin ich wirklich? Genau hier setzt das holotrope Atmen an. Es unterstützt uns dabei, wesentlich zu werden, essenziell zu werden, dorthin zu gelangen, wo das liegt, was für uns wirklich bedeutsam und wichtig ist.
Dr. Sylvester Walch, Psychotherapeut mit Ausbildungen in klientenzentrierter Psychotherapie, integrativer Therapie, Gestalttherapie und vor allem im holotropen Atmen (direkt bei Stanislav Grof), verbindet seit fast 40 Jahren Körperarbeit mit spiritueller Arbeit und transpersonaler Psychologie. Er begleitet Menschen auf eine besonders tiefe, psychospirituelle Weise – und schafft Räume, in denen innere Prozesse wirklich den Platz bekommen, den sie brauchen.
Was macht diese Arbeit so besonders?
In der klassischen Psychotherapie wird die spirituelle Dimension oft bewusst ausgeblendet – aus Sorge, indoktrinierend oder normativ zu wirken. Doch gerade bei schwer belasteten Menschen zeigt sich: Die spirituelle Komponente ist häufig ein entscheidender Heilfaktor. Wenn Menschen eine Orientierung am Unendlichen finden – wie C. G. Jung es ausdrückte: sich mit dem Unendlichen verbinden –, entsteht ein Gefühl von Geborgenheit im Größeren. Aus dieser Bezogenheit heraus kann echte Sinnfindung wachsen, wie sie die Existenzanalyse versteht.
Deshalb spricht Sylvester Walch bewusst von psychospiritueller Begleitung – nicht nur psychosomatisch. Natürlich ist der Körper immer mit dabei, aber der spirituelle Aspekt verdient besondere Betonung: Es geht um eine radikal erfahrungsbezogene Spiritualität, die nichts mit vorgegebenen Konzepten oder Dogmen zu tun hat, sondern ausschließlich dem folgt, was aus dem Inneren des Menschen aufsteigt.
Wie fühlt sich eine solche spirituelle Erfahrung an?
Oft ist sie nicht nur bildhaft, sondern tief körperlich: Ein Flow durchströmt den Körper, man fühlt sich von innen her aufgebrochen, Tränen der Berührung und des Glücks fließen – Tränen einer Liebe, die weit über das Persönliche hinausreicht. Eine Liebe zum Sein selbst, zum Ganzen, das nichts ausschließt. Wer das erlebt, fühlt sich aufgehoben, verbunden, geöffnet. Am Ende einer Atemsitzung sieht man häufig glänzende Augen, tiefe innere Energie und eine spürbare Verbundenheit.
Wie kam Dr. Sylvester Walch selbst zu dieser Arbeit?
Es war eine schicksalhafte Wendung. 1989, als junger Psychotherapie-Ausbilder, spürte er in einer Gruppe eine plötzliche Enge in der Brust, als ein Teilnehmer einen Vortrag von Stanislav Grof vorschlug. Statt den Impuls als Widerstand zu deuten, erkannte er: Vielleicht ist meine eigene Auffassung zu eng. Als er „Ja“ sagte, fühlte er sich sofort geweitet. Im Vortragsraum in Salzburg spürte er sofort, ohne ein Wort gehört zu haben: Hier geschieht etwas Lebensveränderndes. Und so war es.
Warum geht holotropes Atmen über herkömmliche Psychotherapie hinaus?
In vielen humanistischen Verfahren wird über Gefühle gesprochen, Körperhaltungen einbezogen, das Hier und Jetzt betont – doch das explizite Eintauchen in veränderte Bewusstseinszustände, in dieser Tiefe, Breite und Dauer, findet man fast nur hier. Der innere Prozess wird nicht durch ständiges Nachfragen unterbrochen, sondern darf sich ungefiltert entfalten. Viktor Frankl sagte einmal: „Wenn du die Welt nicht fühlst, wirst du kein glückliches Menschenleben haben.“ Genau dieses tiefe Fühlen wird hier möglich.
Wie läuft eine Atemsitzung konkret ab?
Meist in Gruppen, weil die Gruppenenergie etwas Entscheidendes hinzufügt. Zuerst bilden sich Paare: Der „Erfahrene“ (der Atmende) hat einen „Sitter“, der schützend danebensitzt, nicht als Therapeut, sondern als mitfühlender Mensch. Der Raum ist abgedunkelt, mit Matten und Kissen vorbereitet. Nach einer Entspannungsanleitung heißt es: Atme einfach schneller und tiefer, so wie es jetzt geht. Dazu evokative Musik, die den Prozess trägt.
Lass zu, was kommt – Bilder, Gefühle, Bewegungen, Schreie, Stille, tiefe Ruhe, Kindheitsszenen, Naturverbundenheit, überwältigende Wut oder Scham. Jeder Prozess ist anders, und doch fügt sich alles in ein großes, gehaltenes Ganzes. Es gibt kein Zeitlimit – 2, 3, manchmal 4 Stunden, bis der Prozess von selbst zur Ruhe kommt.
Die Begleiter gehen aufmerksam durch den Raum und unterstützen genau das, was sich von innen meldet: Bei unterdrückter Wut mehr Ausdruck ermöglichen, bei Weinen wärmend halten, bei Blockaden sanft erinnern: „Du bist schon drin – erlaube dir auch die Distanz zu spüren.“ Der Kern: Akzeptanz dessen, was sich zeigt. Dadurch akzeptiert man sich selbst. Der Raum ist liebevoll, wertschätzend, anti-traumatisch – auch bei schweren Erfahrungen.
Was ist der entscheidende Wirkmechanismus?
Schnelleres Atmen löst – wie schon Wilhelm Reich wusste – körperliche und psychische Widerstände. Es fördert bildhaftes, leibliches Erleben und mobilisiert die innere Weisheit und Selbstheilungskräfte. „Deine Erfahrung ist meine Autorität“ – wir folgen phänomenologisch nur dem, was sich wirklich zeigt.
Wie unterscheidet sich das von psychedelischen Substanzen?
Bei Substanzen bestimmt die Dosis Intensität und Dauer – manchmal zu überwältigend, ohne ausreichende Assimilation. Beim holotropen Atmen bleibt alles im Einklang mit der inneren Führung. Die Erfahrungen sind meist verarbeitbar und führen zu nachhaltiger Entwicklung.
Was sagt man Menschen, die Angst vor Kontrollverlust oder Intensität haben?
Es geht nicht um Zusammenbruch, sondern darum, die Kontrolle an die tiefere innere Weisheit abzugeben. Die alte, aus Angst gebaute Kontrolle darf zurücktreten – zugunsten von Prozessvertrauen. Und ja: Transformation bringt Heilungskrisen mit sich. Gerade diese Durchgangskrisen sind notwendig, damit Altes losgelassen und Neues entstehen kann.
Und die Sorge vor „Esoterik“?
Esoterik bedeutet ursprünglich: den Blick nach innen wenden. Genau das geschieht hier. Die Spiritualität ist emanzipiert, frei von Dogmen, offen für Zweifel. Wir anerkennen einfach: Es gibt mehr als Persönlichkeit und Lebensgeschichte – und diesem Mehr geben wir Raum.
Wie bleibt man als Begleiter geerdet?
Durch den eigenen spirituellen Weg, Demut vor dem Größeren, kontinuierliche Arbeit an Egostrukturen, Meditation – und durch das ganz normale Leben mit seinen Krisen und Herausforderungen. Mit 76 Jahren übt Walch bereits das Loslassen – und bleibt auf Augenhöhe mit den Menschen.
Warum ist Körperarbeit so zentral?
Jede Erfahrung hat eine leibliche Repräsentanz. Unverarbeitete Blockaden sitzen im Körper – als Spannung, Schmerz, Rundrücken, Erstarrung. Erst wenn auch diese Ebene integriert wird, wird eine Erfahrung ganz. Am Ende jeder Sitzung wird gefragt: „Fühlst du noch Spannung?“ Und dann wird – mit nährender Berührung, Gegendruck, Ausdruck – so lange gearbeitet, bis die Energie wieder frei fließt.
Für wen ist diese Arbeit?
Für die ganze Breite des Lebens: Von 19 bis 85, vom Landschaftsgärtner bis zum Professor. Menschen mit schweren Traumata, Sinnsucher, Menschen in Midlife-Crisis oder vor großen Entscheidungen, depressive Verstimmungen, Ordensleute, die ihre spirituelle Erfahrung vertiefen wollen – und auch solche, die im Leben bereits gut „gesättelt“ sind und sich einfach weiter öffnen möchten.
Einzig Kontraindikation: aktive Psychosen. Ansonsten wirkt holotropes Atmen heilend und zugleich transformierend – es unterstützt Genesung ebenso wie Selbstverwirklichung. Niemand wird in eine Richtung gedrängt. Gemeinsam wird herausgefunden, was für diesen einen Menschen jetzt wesentlich ist.
Am Ende bleibt die Frage – und zugleich die Erfahrung:
Wer bin ich wirklich? Und wie viel mehr Raum darf dieses „Wirklich“ in meinem Leben bekommen?
Weiterführende Inhalte:
- Webseite: Gesellschaft für Logotherapie & Existenzanalyse
- Webseite: Grof Legacy Training
- Webseite: Frankl - Institut
- Podcast: Radio, Interviews & Lectures - Audio
- Seminare: Basisseminare - Einführungsseminare - holotropes Atmen
- Startseite: Das Institut Holotropes Atmen