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Was ist das Ego - Teil 9

Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen? Eine 10-teilige Kolumne von Dr. Sylvester Walch.

Um uns auf die Innere Weisheit oder das universale Selbst, von dem ich vor kurzem geschrieben habe, einlassen zu können, müssen wir bereit sein, bisherige Vorstellungen und das eigene Wollen in Bezug auf das größere Ganze zu relativieren. Das ist aber eine Zumutung für das Ego, das gerne, vom Zentrum des Bewusstseins aus, das Leben bewertet, kontrolliert und beherrscht. Um nicht an Einfluss zu verlieren, muss es eine Front gegen Erfahrungen aufbauen, die es infrage stellen könnten. Die allmähliche Befreiung vom Ego ist deshalb in den meisten spirituellen Richtungen das Hauptanliegen. 

Da ich in meinem Buch „Vom Ego zum Selbst“  detailliert Eigenschaften und Struktur des Ego, insbesondere in seinen Unterschieden und Ähnlichkeiten zum psychologischen Ichbegriff, herausgearbeitet habe, werde ich hier, aus Zeitgründen, nur einige Aspekte grob zusammenfassen.

Umgangssprachlich würden wir einem Menschen ein starkes Ich dann zuschreiben, wenn er weiß, was er will, sich seine Meinung sagen traut und tatkräftig für seine Ziele eintritt. Auch Toleranz und Dialogfähigkeit sind Ausdruck eines eigenständigen Ich. Das starke Ich wird jedoch zum Ego, wenn es seine Ziele gegen die berechtigten Ansprüche anderer durchsetzt, die Grenzen nicht respektiert, kontrolliert und manipuliert, um für sich selber das Beste herauszuholen. Es sind also vor allem jene Gedanken, Gefühle und Handlungen, die in Beziehungen eine unangenehme Atmosphäre hervorrufen und durch die wir anderen, aber auch uns selbst schaden.

Auf die Spur unseres Ego und unserer Egoverstrickungen gelangen wir schon durch wenige und sehr einfache Fragen, wie zum Beispiel: Löst der Erfolg eines anderen in mir Neid aus oder erhöhen schlechte Nachrichten über andere mein Selbstwertgefühl? Manipuliere und kontrolliere ich Beziehungen, um Bestätigung zu erlangen? Reagiere ich gekränkt oder beleidigt, wenn mich jemand sachlich kritisiert? Lehne ich andere ab, wenn sie nicht so sind, wie ich sie gerne hätte? 

In Situationen, in denen wir vom Ego dominiert werden, erleben wir uns verbissen, gierig, eifersüchtig, unversöhnlich, hart und abwertend. Wir hören nicht zu, halten gerne an unseren Vorurteilen fest und beziehen unsere Sicherheit eher aus materiellen Werten und äußerem Ansehen. 

Das Ego deckt die innere Empfindsamkeit zu und lässt den natürlichen Strom der Gefühle versiegen. Die Folgen sind soziale Kälte, mangelnde Mitmenschlichkeit und fragmentierte Beziehungswelten, in denen keine verlässlichen und langfristigen Bindungen entstehen können. Das Ego bindet unsere kreativen Kräfte und macht uns taub für Intuitionen. Vor allem aber zeigt es sich im tiefen Misstrauen gegen alles, was einfach passiert. Das hat zur Folge, dass wir uns einer kreativen Auseinandersetzung mit Lebensumständen, die uns voranbringen könnten, verweigern. Das führt früher oder später in eine Sackgasse. Dabei offenbart sich, dass vieles, was bisher wichtig war, wie etwa Prestige oder äußerliche Werte, auf Dauer nicht wirklich zufrieden macht und wir beginnen, die Schieflage unserer Vorstellungen vom Leben zu erkennen. Das ist das, was spirituelle Richtungen des Ostens als Maya, als Täuschung bezeichnen, die die Notwendigkeit der Ent-täuschung herausfordert.  Diese Krise, die meistens in der Mitte des Lebens einsetzt, ist dann oft der Ausgangspunkt des spirituellen Suchens, das von der Frage „Wer bin ich wirklich?“ begleitet wird. 

Dabei wirkt das Ego oft als Barriere auf dem Weg zur Selbstfindung. 

Ähnlich der Arbeit an Widerständen in der Psychotherapie ist aber zu berücksichtigen, dass das Ego abbauen kann, wer sich selber gegenüber mitfühlend und wertschätzend verhält. Der Ausgangspunkt ist immer eine wahrhaftige Bestandsaufnahme (Egoprofil, Vom Ego zum Selbst, S.142), wozu ich mit der folgenden Übung einen kleinen Anstoß geben möchte: 

Schließen Sie bitte die Augen und spüren für einen Moment zu Ihrem Herzen hin. Stellen Sie sich vor, wie von dort Mitgefühl Ihnen selbst gegenüber ausstrahlt.  Dann fragen Sie sich bitte:
 

In welchen Verhaltensweisen, Denkmustern oder Strategien zeigt sich mein Ego? 

Unter welchen Umständen oder in welchen Situationen treten diese Ego-Aspekte besonders in den Vordergrund? 

Wie fühle ich mich danach und welche Spuren hinterlassen sie?     


Diese Ego-Inventur kann man in regelmäßigen Abständen durchführen, denn allein der aufmerksame Blick auf die Belastungen des Lebens durch das Ego öffnet die inneren Räume für seine Transformation. 

Wenn wir bereit sind, am Ego zu arbeiten, beginnt ein Prozess des Loslassens und Entdeckens, die innere Wahrnehmung wird intensiver, Fassaden beginnen sich aufzulösen. Wir erfahren uns zunehmend lebendiger und wahrhaftiger. Gleichzeitig kehren in unser Leben Zufriedenheit, Gelassenheit und Freude ein. 

 

← Teil 8: Die Praxis der Meditation
→ Teil 10: Vom Sterben des Egos: Wie innere Transformation geschieht.

Zur Übersicht der Kolumnenreihe: „Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen?“

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