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Vom Sterben des Egos: Wie innere Transformation geschieht - Teil 10

Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen? Eine 10-teilige Kolumne von Dr. Sylvester Walch.

Um diesen Abschnitt meiner Kolumne tiefer verstehen zu können, ist es vielleicht ratsam, sich meinen letzten Beitrag über Struktur und Dynamik des Egos nochmals in Erinnerung zu bringen. Wie wir herausgefunden haben, führt die Überbetonung des Egos zu einer gefährlichen Sicht von uns selbst und der Welt. Alles, was dieses Ego gefährden könnte, blenden wir aus und fühlen uns zu den Dingen hingezogen, wodurch es erfreut oder beruhigt wird. So entsteht ein destruktiver Teufelskreis, der nachhaltige zwischenmenschliche Störungen hervorrufen kann.

Wenn wir nun allmählich aus unseren egozentrischen Denk- und Verhaltensweisen aussteigen, gibt es zwischendurch häufig eine Zeit, in der das bisherige Leben in seinen Begrenzungen nochmals leidvoll erfahren wird. Das hat damit zu tun, dass sich das Ego mit seiner ganzen Kraft gegen diesen Transformationsprozess stemmt, um nicht an Einfluss zu verlieren. In dieser inneren Auseinandersetzung steht alles auf dem Prüfstand, was ich bin und was ich habe.

Dadurch kann es zu stürmischen Umbrüchen, radikalen Zweifeln und heftigen Krisen kommen, die manchmal in Visionen von Vernichtungserfahrungen am eigenen Leib, wie etwa Zerstückeltwerden oder Verbranntwerden, gipfeln. Eine Seminarteilnehmerin erlebte es so:

„Dann werde ich verbrannt. Ich spüre das Feuer in meinen Rücken, es ist nicht unangenehm. Ich spüre auch, wie meine Knochen sich während des Verbrennens biegen. Alles weitet sich, mein Körper fühlt sich noch leichter an. Ich komme ins Licht. Es ist ein ganz tolles und behagliches Gefühl.“

Diese Erfahrungen erweisen sich als szenische Vergegenwärtigungen der stattfindenden Ego‑Transformation bis hin zum sogenannten Egotod, ähnlich dem christlichen Mysterium des Kreuzestodes, wo das Sterben als Durchgang zum neuen Leben erfahren wird. Das kann sich zwar für den Suchenden in diesem Augenblick äußerst bedrohlich anfühlen. Die einmalige Chance dieses Zustandes besteht dann aber darin, alte überkommene Persönlichkeitsstrukturen aufzulösen und eine neue stabilere innere Basis entstehen zu lassen.

Ein solcher Perspektivwechsel öffnet den Übergang zu einer umfassenderen Sichtweise des Lebens. Dadurch wird nämlich auch ein Prozess in Gang gebracht, den die mystische Literatur als Entfalten der Liebe Gottes in unserem Inneren beschreibt. Die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Nichtsein sitzt tief in uns.

Das, was aber wirklich sterben muss, ist die Identifikation mit dem Ego und seiner Isolation. Das Sterben des Egos kann dementsprechend mit enormen Eruptionen und Krisen verbunden sein, weil es auch zur Aufgabe von bisherigen Sicherheiten, vertrauten Beziehungen, alten Mustern und gewohnten Selbstbildern zwingt. Nur so können innere Räume für das Göttliche und den damit einhergehenden Energieerfahrungen frei werden.

Der Todesschrecken wird damit zum Übergang in eine völlig neue Sphäre inneren Friedens. Gurumayi schildert in ihren Erinnerungen diese Zustandsänderung sehr eindrucksvoll:

„Das Haus meines Ichs ging in Flammen auf. Alles, was ich besaß, wurde verbrannt. Ich wollte mein Haus retten. Aber ich konnte nicht entkommen. Auch die Tür meines Hauses stand in Flammen. Ich weiß nicht mehr, was dann geschah......Und alles verstummte in der endlosen Stille der Liebe.“

In diesem Moment gehen Erkenntnis und Liebe, Leere und Fülle ineinander über. Diese Erfahrungen gehen zumeist mit einer Öffnung des Herzchakras einher.

Der Zusammenbruch des Egos setzt somit eine neue, höchst intensive Form der Seinswahrnehmung frei. Erst dieses bereinigte Bewusstsein ist offen für jenen Zustand umfassender Allverbundenheit, in der sich der Wahrnehmende als Sein in allem Seienden erfährt. So dürfen wir auch das Sterben als eine Transformationskrise auffassen, aus der wir erneuert hervorgehen.

Ein zu seiner spirituellen Identität „erwachter" Mensch – um es mit einem Wort Eugen Herrigels (1992, S. 39) zu sagen – „fasst das Leben nicht nur anders auf, sondern auch anders an“. Er strahlt eine Art natürlicher Autorität aus und fühlt sich animiert, ja verpflichtet, das erlangte Geschenk seiner inneren Erfahrung weiterzugeben. Diese positive Hinwendung zum Mitmenschen ist so etwas wie ein Gütesiegel der geistigen Verwandlung.

Die intensive Erfahrung des gemeinsamen Lebensgrundes lässt Leid und Freude des anderen als eigenes Leid und eigene Freude erfahren. Die segensreiche Wirkung des Mitgefühls strahlt dann auf uns selbst zurück, da wir im Nächsten auch jenen spirituellen Grund würdigen, aus dem heraus wir selber existieren.

Darin eben besteht die spirituelle Qualität der Liebe, dass sie sich nicht ausschließend, sondern jeden Menschen, jedes Lebewesen, ja den Kosmos im Ganzen einbeziehend versteht.

In dieser Verbundenheit wird uns auch klar, dass wir dem Leben, so wie es sich vollzieht, auch mit seinen widrigen Umständen, grundsätzlich vertrauen können. Sogar im Leiden oder in Phasen der Dunkelheit lässt sich jene Tür finden, die nach innen aufgeht und uns zu verborgenen Potenzialen und Lösungen führt. So brauche ich nicht mehr abzuwehren oder kontrollierend einzugreifen, sondern kann mich mutig dem Leben stellen und zwanglos lebendig werden lassen, was sich verkörpern möchte.

 

← Teil 9: Was ist das Ego?
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