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Das Selbst - Teil 5

Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen? Eine 10-teilige Kolumne von Dr. Sylvester Walch


Das letzte Mal befassten wir uns damit, welche Potenziale und Möglichkeiten tief in uns selbst zu finden sind. Es gibt einen Begriff, der sowohl in der Psychologie wie auch in der spirituellen Literatur für dieses innere Zentrum steht: das Selbst. Obwohl es sehr persönlich erscheint, hebt es uns gleichzeitig über uns als Einzelwesen hinaus. Nach allgemeiner Überzeugung unterschiedlicher psychologischer Richtungen, steht das Selbst einerseits für den Gesamtumfang der Person, also alles, was ich als zu mir gehörig wahrnehme, und andererseits für den wesenhaften Kern, also das, was den Menschen im Innersten zusammenhält. Es gibt dem Individuum, durch seine beständigen Integrationsleistungen, die Sicherheit, bei allen Veränderungen, die es erfährt, gestern, heute, morgen das gleiche Wesen zu sein, also eine unveränderte Subjektivität zu verkörpern. Das bedeutet, dass ich mich als 63-Jähriger genauso als Sylvester fühle wie früher als 15-Jähriger, obwohl keine Körperzelle mehr die gleiche ist und ich viele Wandlungen durchgemacht habe. Das ist eine große Leistung unseres inneren Wesens. 

Das Selbst ist aber auch eine sprudelnde Quelle, die uns belebt, inspiriert und unterstützt. Es ist vital, möchte wachsen und Neues erleben. Ein lebendiges und authentisches Selbst kann sich jedoch nur dann voll entwickeln, wenn wir uns grundsätzlich sicher und geborgen fühlen. Das fällt uns natürlich leichter, wenn wir uns auf warmherzige und verlässliche Beziehungserfahrungen in der Kindheit stützen können. Aus der Psychotherapie wissen wir, dass schwere psychische Störungen oft auf ein verletztes personales Selbst zurückgehen. Wer etwa von seinen Eltern oft abgewertet wurde, wird später mit tiefen Ängsten konfrontiert, wenn er Entscheidungen treffen oder seinen eigenen Weg gehen will. In einem Kind, das Erfahrungen von Gewalt, Mangel an Geborgenheit oder chronische Konflikte in der Familie erleben muss, zieht sich das entstehende Selbst zusammen. 

Um es zu schützen, baut das Kind einen inneren Panzer auf, der es tragischerweise auch von sich selbst abschneidet. Nach außen entsteht dabei eine Scheinpersönlichkeit, hinter die man sich zurückziehen kann und die aber sehr leicht zu erschüttern ist. Der innere Boden wird deshalb als brüchig und instabil empfunden, sodass es auch im Erwachsenenalter in sich selbst keinen Halt finden kann und unter mangelndem Selbstvertrauen leidet. Solche Menschen erfahren sich als vom Leben abgeschnitten, innerlich leer und doch von ständiger Sorge und Angst belastet. Die Fähigkeit, Liebe zu erfahren und zu vermitteln, ist stark eingeschränkt, was den Leidenszustand weiter verschlimmert. Die Heilung eines in seinen Grundfesten erschütterten Menschen vollzieht sich, wie wir wissen, nur in kleinen Schritten. 

Das Ziel der Heilung ist, das Selbst von seinen Belastungen zu befreien und wieder einen Zugang zu seinem tiefsten Wesenskern zu finden. Dieser sorgt für ein pulsierendes inneres Wohlbefinden und es ist jener Teil in uns, der sich ausdehnen, wachsen und sich selbst verwirklichen möchte. Es macht sich im Alltag als wegweisende innere Stimme, als stimmiges Bauchgefühl bemerkbar. Auch befördert es jenes stabile Selbstvertrauen, das das Zutrauen zu anderen Menschen und damit die Verankerung im wirklichen Leben erst ermöglicht. 

Mit dieser Öffnung zur Mitwelt erweitert und vertieft sich auch der Raum der inneren Erfahrung. So werden wir auch durchlässiger für das größere Ganze oder das „Mehr“ in uns, wie es Dorothee Sölle bezeichnet. Dadurch eröffnen sich Zugänge zu Ressourcen und Wirklichkeitsbereiche, die die Begrenzungen der individuellen Persönlichkeit weit übersteigen. Gerade deshalb versuchen spirituelle Traditionen wie auch die transpersonale Psychologie das Selbst noch in einem größeren Zusammenhang zu verstehen. Es sei also nicht, wie die klassische Psychologie nahelegt, allein auf die Persönlichkeit bezogen, sondern - auch offen zum Überpersönlichen hin, daher die Bezeichnung transpersonal. Leibniz spricht von einem „Funken des Kosmos“, der uns innewohnt und mit dem Seinsganzen verbindet. 

Im Wesenskern des Menschen wirkt also eine Kraft, die weit über die Person hinausgeht und nach C.G. Jung auch als „Gott in uns“ bezeichnet werden kann. Es ist diese tiefe Kraft, aus der heraus wir existieren und alles scheint von dort zu entspringen und dort wieder hinzulaufen. Das personale Selbst ist im transpersonalen (höheren) Selbst aufgehoben, in einem doppelten Sinne, sowohl eingebettet als auch überschritten. Über diese innerste Instanz kommuniziert das Individuum mit dem Göttlichen. 

Der deutsche Mystiker Meister Eckehart drückt dies in einem einfachen Satz aus: 
„Ich will sitzen und will schweigen und will hören, was Gott in mir rede.“ 

Ein Bewusstsein dieser Verbindung kann man in der Mystik aller großen religiösen Traditionen finden. 

Im Christentum heißt es: „Das Reich Gottes ist in Dir“, 
im Buddhismus: „Schau nach innen, Du bist der Buddha“, 
im Siddha-Yoga: „Gott wohnt in Dir als Du“, 
im Hinduismus: „Atman (das individuelle Bewusstsein) und Brahman (das universelle Bewusstsein) sind eins“, 
in der Sufi-Tradition des Islam „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn“. 

Die Erfahrung dieses göttlichen Kerns in uns ist die Wurzel jeglicher spirituellen Praxis. Es ist ein unerschöpflicher Wesensgrund, der in jedem von uns und in allem existiert. Genau dies werde ich in meiner nächsten Kolumne weiter vertiefen. Ihnen wünsche ich inzwischen eine gute Zeit.

 

← Teil 4: Der Schutzengel in uns
→ Teil 6: Das höhere oder universale Selbst (kommt in ca.14 Tagen, einfach vorbeischauen!)

Zur Übersicht der Kolumnenreihe: „Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen?“

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