Sowohl in spirituellen Erfahrungen als auch im spirituellen Erwachen wird der Suchende gefunden, denn er ist für die Offenbarung des Göttlichen bereit, die den Menschen als kosmisches Bewusstsein durchströmt. Der Erfahrende fühlt sich von etwas Größerem getragen und mit allem verbunden. Es kommt zu Lichterscheinungen, Energiephänomenen, spontanen Zuständen des Glücks, der Hingabe und der Demut. Davon tief bewegt, ist man gleichzeitig gelassen und ruht in der inneren Mitte. Sinnfragen werden spontan beantwortet und die überwältigende Kraft der universalen Liebe und Schönheit werden in ihrem grenzenlosen Ausmaß spürbar, wie es eine Seminarteilnehmerin eindrucksvoll schilderte:

Erfahrung aus der holotropen Atemsitzung:

„… Es ist so viel Licht da, göttliches, strahlendes Licht. Seine Gegenwart ist überwältigend. Die Arme heben sich und beide Hände legen sich mit den Handrücken über die Stirn und über das dritte Auge. Die Hände schützen mich noch vor der überwältigenden Macht und Schönheit Seines Lichts. Es ist zu viel für mich und Tränen der Seligkeit, des Überwältigtsein brechen aus… Das ganze Sein ist ausgebreitet…. Frieden, Seligkeit, Glück, Liebe, Schönheit, eingetaucht in das Eine ... Tränen strömen unentwegt, tiefes Weinen dringt aus dem Innersten… Es ist nicht Schmerz über Irdisches, es ist Erschütterung und Erlösung, die Überwältigung durch Seine Schönheit unglaublich …, unglaublich, dass so viel Schönes und Erhabenes existiert, unauslöschbar.“

Nach überwältigenden Gotteserfahrungen, die durch eine spirituelle Übungspraxis noch weiter vertieft werden, gibt es häufig eine Zeit, in der das bisherige Leben in seinen Begrenzungen zunehmend leidvoll erfahren wird. Das hat damit zu tun, dass sich das Ego mit seiner ganzen Kraft gegen diesen Transformationsprozess stemmt, um nicht an Einfluss zu verlieren. Dadurch kann es zu stürmischen Umbrüchen, radikalen Zweifeln und heftigen Krisen kommen, die manchmal in Visionen von Vernichtungserfahrungen am eigenen Leib, wie etwa Zerstückeltwerden oder Verbranntwerden, gipfeln.

Diese erweisen sich als szenische Vergegenwärtigungen der stattfindenden Egotransformation bis hin zum sogenannten Egotod, ähnlich dem christlichen Mysterium des Kreuzestodes, wo das Sterben als Durchgang zum neuen Leben erfahren wird. Das kann sich zwar für den Suchenden in diesem Augenblick äußerst bedrohlich anfühlen. Die einmalige Chance dieses Zustandes besteht dann aber darin, alte überkommene Persönlichkeitsstrukturen aufzulösen und eine neue stabilere innere Basis entstehen zu lassen.

Ein solcher Perspektivwechsel öffnet den Übergang zu einer umfassenderen Sichtweise des Lebens. Dadurch wird nämlich auch ein Prozess in Gang gebracht, den die mystische Literatur als Entfalten der Liebe Gottes in unserem Inneren beschreibt. Die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Nichtsein sitzt tief in uns. Das, was aber wirklich sterben muss, ist die Identifikation mit dem Ego und seiner Isolation. Der Todesschrecken wird damit zum Übergang in eine völlig neue Sphäre inneren Friedens. Gurumayi schildert in ihren Erinnerungen diese Zustandsänderung sehr eindrucksvoll:

„Das Haus meines Ichs ging in Flammen auf. Alles, was ich besaß wurde verbrannt. Ich wollte mein Haus retten. Aber ich konnte nicht entkommen. Auch die Tür meines Hauses stand in Flammen. Ich weiß nicht mehr, was dann geschah......Und alles verstummte in der endlosen Stille der Liebe.“

In diesem Moment gehen Erkenntnis und Liebe, Leere und Fülle ineinander über. Der Zusammenbruch des Egos setzt somit eine neue, höchst intensive Form der Seinswahrnehmung frei. Erst dieses bereinigte Bewusstsein ist offen für jenen Zustand umfassender Allverbundenheit, in der sich der Wahrnehmende als Sein in allem Seienden erfährt. Ein zu seiner spirituellen Identität „erwachter" Mensch – um es mit einem Wort Eugen Herrigels zu sagen „fasst das Leben nicht nur anders auf, sondern auch anders an“.

Er strahlt eine Art natürlicher Autorität aus und fühlt sich animiert, ja verpflichtet, das erlangte Geschenk seiner inneren spirituellen Erfahrung weiterzugeben. Diese positive Hinwendung zum Mitmenschen ist so etwas wie ein Gütesiegel der geistigen Verwandlung. Die intensive Erfahrung des gemeinsamen Lebensgrundes lässt Leid und Freude des anderen als eigenes Leid und eigene Freude erfahren. Die segensreiche Wirkung des Mitgefühls strahlt dann auf uns selbst zurück, da wir im Nächsten auch jenen spirituellen Grund würdigen, aus dem heraus wir selber existieren.

Siehe auch psycho-spirituelle Seminare - STW-Reihe.

Empfohlene Literatur von Sylvester Walch zu diesem Thema:

Vom Ego zum Selbst. Grundlinien eines spirituellen Menschenbildes.

Dimensionen der menschlichen Seele. Holotropes Atmen und transpersonale Psychologie.