Die Praxis der Meditation - Teil 8
Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen? Eine 10-teilige Kolumne von Dr. Sylvester Walch
Um bewusst zu erleben, dass in uns eine Innere Weisheit wirkt und wir stets mit dem größeren Ganzen verbunden sind, ist es notwendig, die oberflächlichen Geistesbewegungen hin und wieder zu beruhigen. Wenn Sie einmal analysieren, was in Ihrem Inneren alles automatisch abläuft, werden Sie davon überrascht sein, wie viel sich davon wiederholt und getrost zur Seite gelegt werden kann. Das können Sie herausfinden, wenn Sie, mitten im Alltag, einfach nur einmal kurz beobachten, was Sie beschäftigt. In der Regel sind es Verhaltensweisen anderer Menschen, Beziehungsfragen oder berufliche Probleme. Dabei geht es hauptsächlich darum, ob Sie akzeptiert oder abgelehnt werden, wie Sie von anderen gesehen werden, belastende vergangene Erfahrungen oder ängstliche Zukunftserwartungen. Die meisten geistigen Inhalte werden darüber hinaus erbitterten Bewertungen unterzogen. Ist es gut oder schlecht, richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen?
Kurzum, was ich damit sagen möchte, ist, dass wir unserem Bewusstsein bedenkenlos eine regelmäßige Auszeit gönnen können, um es von diesen einengenden Geistesbewegungen zu entlasten. Außerdem können wir dadurch besser zu uns selbst kommen, tieferen Frieden finden und Vertrauen in das Leben fördern. Es gibt nun mehrere Aspekte, die zu berücksichtigen sind, wenn Sie eine Meditationspraxis aufbauen möchten. Der erste und wichtigste Punkt ist: Die Meditation kann ihre Wirkung erst durch Regelmäßigkeit entfalten. Deshalb ist es wichtig, einen zeitlichen Rahmen zu finden, den Sie auch wirklich gut einhalten können. Ich empfehle, mit höchstens 20 min. zu beginnen. Für wen das zu lange ist, der kann auch täglich zehn oder fünfzehn Minuten meditieren. Dann wäre es günstig, eine Tageszeit zu finden, in der Sie die Zeit der Stille mühelos einbauen können. Für viele ist das morgens, vor dem Frühstück, für manche auch abends vor dem Zubettgehen.
Für eine sich stetig vertiefende Meditationspraxis ist es auch hilfreich, sich in der Wohnung einen speziellen Ort dafür einzurichten. Das kann ein Raum oder eine Ecke in der Wohnung sein. Dort können Sie beispielsweise eine Kerze, Blumen, ein Kristall, ein schönes Bild von einer Landschaft oder ein Foto von einem spirituellen Lehrer zu einem wohltuenden Arrangement gestalten. Allein, wenn Sie sich an diesem Ort niederlassen, werden Sie energetisch in Ihrer Übung unterstützt. Der nächste wichtige Punkt ist die körperliche Haltung, in der Sie meditieren. Sie sollten sich einerseits als angenehm und andererseits als aufrecht empfinden, sodass Sie, während dieser Zeit entspannt und wach in der Gegenwärtigkeit verweilen können. Wenn Sie mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzen, ist es in der Regel günstig, auf einem Kissen zu sitzen. Durch die Erhöhung können sich die Beine entlasten und das Rückgrat besser über dem Becken zentrieren. Manche benutzen auch ein kleines Bänkchen, um die abgewinkelten Beine nicht unnötig mit dem eigenen Gewicht zu belasten.
Für wen aber das Sitzen auf dem Boden zu beschwerlich ist, der kann sich auch auf einen Stuhl setzen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass man etwas nach vorne rückt, sodass das Rückgrat frei wird und die Füße flach auf dem Boden aufliegen. Des Weiteren sollten Sie darauf achten, dass das Schwerkraftzentrum in der Bauchgegend locker, die Wirbelsäule aufrecht und der Kopf gerade ist. Am besten, Sie probieren aus, wie es für Sie passt. Die Augen können Sie schließen oder halb offen den Blick ca. einen Meter nach vorne auf den Boden richten.
Der nächste zentrale Punkt ist der Atem, der uns dabei hilft, tiefer in uns selbst anzukommen und gleichzeitig loszulassen. Erlauben Sie sich tief und ruhig zu atmen. Mit jedem Einatmen können Sie den inneren Raum erweitern und mit jedem Ausatmen weicher werden. Der Atemstrom sollte bis ins Bauchzentrum hinab fließen können. Für manche ist es eine Hilfe, immer wieder zum Atemrhythmus zurückzukehren, wenn körperliche Spannungen, innere Bilder oder Gedanken zu störend sind: Ich atme ein und ich atme aus. Aber auch ein Mantra, ein Segensspruch oder ein Gebet kann vorübergehend eine Stütze sein, um alle anderen inneren Aktivitäten zu reduzieren. Im dritten und wichtigsten Punkt geht es um das Geschehenlassen und Loslassen. Dabei beobachten wir einfach alles, was geschieht, ohne dass wir es ergreifen, weiter verfolgen, bewerten oder uns damit auseinandersetzen. Es einfach nur sein lassen, geschehen und gewähren lassen.
Wir nehmen sozusagen allmählich unsere innere Beteiligung und Identifizierung mit den Objekten, auf die sich normalerweise unser Bewusstsein richtet, zurück. Alles darf so sein, wie es ist, ohne dass wir etwas damit machen. Wir lassen somit alles, worauf wir uns gewöhnlich beziehen, fallen, lassen es los. Wenn sich das Bewusstsein eine Auszeit gönnt, seine gewöhnliche Tätigkeit und Aktivität unterbricht, kann es für sich selber frei und offen werden sowie das Dahinterliegende und Umgreifende leichter erspüren. Gleichzeitig wird in dieser Stille unser ganzes Wesen Frieden finden. Ich möchte Sie ermutigen, bis zu unserer nächsten Begegnung, sich regelmäßig diese kurze Zeit der Stille zu gönnen. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Erfahrungen auch in einem Meditationsjournal aufschreiben.
← Teil 7: Meditation als Übung für das Selbst
→ Teil 9: Was ist das Ego? (kommt in ca.14 Tagen, einfach vorbeischauen!)
← Zur Übersicht der Kolumnenreihe: „Kann ich dem Leben, so wie es sich vollzieht, wirklich vertrauen?“
Weiterführende Inhalte:
- Übung: Übung zur Durchlässigkeit und Erweiterung des inneren Raumes
- Buch: Vom Ego zum Selbst - Sylvester Walch
- Seminare: Curriculum - Holotropes Atmen
- Häufig gestellte Fragen: Welche Vorteile und Wirkungen hat das Holotrope Atmen?